Wer von seiner Idee überzeugt ist, setzt alles daran sie umzusetzen: Im Jahr 2012 verkaufte Gründer Robert Fuchs 500 seiner Soul-Schallplatten, um Schulterblick finanziell auf die Sprünge zu helfen. Ein Schritt der damals schmerzte. Rückblickend war es die richtige Entscheidung und eine gute Übung im Verzicht. Die Finanzen waren das eine, generelle Bedenken mit Kindern im Straßenverkehr zu fahren das andere: Jahre vergingen mit beherztem Einsatz, um Kindern das Radfahren üben im Straßenverkehr zu ermöglichen. 2015 war es soweit.

„Wir leisten einen wichtigen Beitrag, dass Menschen bereits in jungen Jahren das Fahrrad im Alltag nutzen wollen und können. Davon profitieren sie nicht nur selbst, sondern die ganze Stadt: Angefangen von der ganz persönlichen Freude am Bewegen im Freien, dem Beitragen zum Umweltschutz bis hin zu einem besseren Miteinander im Straßenverkehr!“,

diese Haltung eint uns im Team. Denn der Straßenraum ist für alle da: Ob für das Radfahren mit 10-jährigen Kindern, mit sehbehinderten Menschen oder neu zugezogenen Jugendlichen – wir haben uns über die Jahre vielen Aufgaben gestellt und waren offen für Neues, immer bereit dabei selbst dazu zu lernen.

Unsere Radfahrkurse – mit Kindern im echten Straßenverkehr zu üben – waren etwas völlig Neues in Wien. Auch wenn es seit 2016 Richtlinien und seit 2017 einen Grundsatzerlass zum Unterrichtsprinzip Verkehrs- und Mobilitätserziehung des Bildungsministeriums gab, die grundsätzlich das Üben in der Verkehrswirklichkeit wünschen und ermöglichen, tauchten beim Umsetzen in der Praxis viele Fragen auf: So gab es zunächst Bedenken zur Umsetzung im Stadtverkehr seitens des Stadtschulrates, der heutigen Bildungsdirektion für Wien, und auch Fragen von Lehrer*innen und Direktor*innen galt es zu klären.

„Das Konzept von Schulterblick hat mir von Anfang an gut gefallen. Ich habe zwei Mal an den Trainings teilgenommen und die Theorieteile, die Übungen im Schonraum und die Ringradrunde sozusagen mit Argusaugen begutachtet. Das hat mich überzeugt. Ich bin mir sicher, dass die Kinder und Jugendlichen von diesem halben Tag mit dem freundlichen und kompetenten Team in besonderem Ausmaß profitieren.“,

sagt Dr.in Sabine Bauer über unserer Radfahrkurse. Sie ist zuständig für Verkehrs- und Mobilitätserziehung im Bildungsministerium und hat uns von Anbeginn sehr unterstützt: So empfiehlt das Bildungsministerium seit 2013 unsere Radfahrkurse mit Volksschüler*innen, wenn diese auf Radwegen stattfinden, vorab im Schonraum geübt wird und die Trainer*innen haftpflichtversichert sind.

Seit 2018 sind wir offizielle Partnerin der Bildungsdirektion für Wien.

2015 starteten wir mit unserem ersten großen Projekt »Die Klimaschutzwelle – Schulterblick-Radfahrkurse für Schulklassen« in Wien durch: 581 Kinder von Gymnasien, Neuen Mittelschulen und Volksschulen waren mit dabei – darunter 24 Anfänger*innen. Alle zusammen haben 3.342 Kilometer im Straßenverkehr erfolgreich erradelt. Diese Radfahrkurse wurden vom Bildungsförderungsfonds unterstützt, fanden im Auftrag der Mobilitätsagentur Wien als auch der Wiener Bezirksvorstehung Landstraße statt.

„Wir wollen uns für den tollen Kurs für Radfahren im Stadtverkehr bedanken den wir bei Ihnen gewonnen haben. Vater und Kind waren sehr begeistert und BEIDE haben davon sehr profitiert und großen Spaß gehabt. Es war einer der besten Kurse den wir jemals gemacht haben und wir haben Kinder von 8-18 und schon viele Kurse hinter uns. Nochmals Danke für den tollen Kurs.“,

bedankt sich eine Mutter bei uns nach einem der Eltern-Kind-Radfahrkurse, die wir ergänzend zu den Schulklassenkursen anbieten.

Ein Jahr später wurden wir dafür mit der Anerkennung »Best of Austria« vom Lebensministerium BMLFUW ausgezeichnet. 2015 war auch das Jahr, in dem Robert Fuchs, Marlene Mellauner und Niko Mellauner, vormals McGill, vom Bundesminister zu Mastertrainer*innen ernannt wurden: Seitdem dürfen sie zertifizierte Radfahrlehrer*innen nach dem klimaaktiv Curriculum ausbilden. Die Überzeugungsarbeit hat sich gelohnt – »Schulterblick – Die Radfahrschule« erhielt immer mehr Rückenwind.

Vielfach haben auch die gemeinsamen Ausfahrten und die offiziellen Besuche dazu beigetragen. Denn Freude am Radfahren und am Miteinander im Straßenverkehr können wir am besten vorleben und erfahrbar machen, daher laden wir immer wieder zu unseren Kursen ein: 2015 folgten neben Dr.in Sabine Bauer vom Bildungsministerium (damals BMBF); Alexander Nowotny vom Verkehrsministerium (damals BMVIT); Erich Hohenberger, Wiener Bezirksvorsteher der Landstraße sowie Dr. Klaus Renoldner, Arzt und unabhängiger Konsulent für nachhaltige Entwicklung, unserer Einladung. Auch die Presse kam zu unseren Radfahrkursen: die verschiedenen Tageszeitungen und der ORF berichteten.

Zwei Jahre später, 2017, folgen erstmals Radfahrkurse mit Schulklassen in Niederösterreich. Das Bildungsministerium gab den Anstoß dazu und wir konnten Radfahrkurse im Auftrag des RADlandes Niederösterreich durchführen, die uns seither als engagierter Partner unterstützen: In St. Pölten begannen wir mit fünf Radfahrkursen – die Lehrer*innen waren sehr begeistert vom Programm und dass alles bereit gestellt wird: Fahrräder, Helme und Signalwesten. 2018 erweiterten wir und führten auch in Mödling Kurse durch. 2019 kam Tulln dazu: Das Gymnasium dort bot einen feinen Anblick, über 100 abgestellte Fahrräder von Schüler*innen erwarteten uns vor der Schule. Heuer im Juni konnten wir auch in Wiener Neustadt mit unseren Radfahrkursen beginnen.

Beim Fokus auf Schulkinder blieb es nicht, Anfragen veranlassen uns immer wieder neue Kursformate zu konzipieren und umzusetzen. So erreichte uns bereits 2014 eine Anfrage von SEBUS, einer Schulungseinrichtung für blinde und sehbehinderte Menschen, seit 2020 das berufliche Kompetenzzentrum des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreichs. 2018 konnten wir ein weiteres Format für sie konzipieren: Ein 4-tägiger Schulterblick-Radfahrkurs sollte Teil ihrer Fahrradmechaniker*innen-Ausbildung sein. Die Teilnehmenden waren zwischen 17 und 55 Jahren alt.

„Ein Jugendlicher ist mir besonders in Erinnerung geblieben, er hat sehr schlecht gesehen und brauchte beim Fahren einen Fixpunkt, eine Person mit Signalweste oder knallig farbenem Rucksack, an dem er sich orientieren konnte. Zusammen bildeten sie quasi ein Tandem. Das war schön mitzuerleben. Ein begeisterter Radfahrer, der gern öfters Radfahren würde, er bräuchte nur eine Person, die regelmäßig mit ihm unterwegs ist.“,

erinnert sich Anna Katharina Obenhuber, die seit 2016 bei Schulterblick dabei ist.

Mit einem Verein aus Niederösterreich, der Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen unterstützt, haben wir auf Anfrage ebenfalls einen Radfahrkurs durchgeführt. Gerade solche Radfahrkurse gelingen vor allem durch engagierte und entspannte Betreuer*innen, die ihre Klient*innen am besten kennen und mit uns gemeinsam großartig motivieren können: Eine Teilnehmerin war so beschwingt, dass wir sie stets daran erinnern mussten, das Treten nicht zu vergessen. Gemeinsam hatten wir eine unvergessliche Ausfahrt im Umland von Mödling. Beim Zurückblicken fällt Katharina ein:

„Nach 10 Jahren Schulterblick und so vielen Kursen mit vielfältigen Teilnehmer*innen wäre es an der Zeit und toll, Schulterblick mit einem Dreirad auszustatten, sodass auch Personen mit körperlichen Beeinträchtigungen an unseren Radfahrkursen teilhaben können.“

Ganz anders war es dann wieder bei den neu zugezogenen Jugendlichen:

„Eine Teilnehmerin aus Eritrea saß zum ersten Mal auf einem Fahrrad. Sie konnte es nicht abwarten bis sie wieder dran war und hat beharrlich auch in den Pausen allein weiter geübt – wirklich beeindruckend und berührend, weil man gesehen hat, wie schwer es für sie war. Schließlich hat sie es geschafft! Sie konnte alleine loszufahren, eine halbe Runde drehen und kontrolliert stehenbleiben.“,

erinnert sich Robert an unsere Radfahrkurse für das Integrationshaus und Interface. Beide Institutionen unterstützen zugewanderte, asylsuchende oder geflüchtete Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Später wurden diese Radfahrkurse als Teil des Projektes »Wir gestalten Straßenraum – Mobilitätsworkshops für zugewanderte Jugendliche« von der MA 13 der Stadt Wien, der Magistratsabteilung für Bildung und Jugend, gefördert.

Andere der jungen Erwachsenen konnten schon Radfahren und einzelne waren stolz, dass sie auch einen Wheely machen, also auf dem Hinterrad fahren konnten. Da ging es dann mehr darum, neben der Kommunikation im Verkehr auch ganz klar die Regeln zu vermitteln. Wir haben diese Radfahrkurse zweigeteilt: Als praktische Einheit, mit dem Grundwissen zu den Verkehrsregeln vorab, machten wir eine Stadterkundungstour. Wir fuhren dabei auch zur Mobilitätsagentur und zur Radlobby, um die Institutionen, die sich für Radverkehr einsetzen, kennenzulernen. Dazu gab es als zweiten Teil des Kurses noch eine Einheit, die vermittelte, wie wir beim Radfahren durch die Art, wie wir anderen begegnen, den Straßenraum mitgestalten.

Allgemein bleibt allen von unseren Radfahrkursen auch oft das Wetter in Erinnerung und die Unterschiede der Routen durch die Stadt: Von unserem Startpunkt am Beethovenplatz im ersten Bezirk war der Weg zum Integrationshaus sehr angenehm: Wir fuhren am Ring entlang in den zweiten Bezirk – gesäumt von alten, schattigen Bäumen und breiten Radwegen und einem Parklet direkt vor der Tür. Dies stand in starkem Kontrast zur prallen Sommerhitze und langen Wartephasen an den Ampeln auf dem Weg in den 10. Bezirk zu Interface – obwohl wir uns hier am Wasserspielplatz Wasserturm abkühlen konnten.

Was all unsere Radfahrkurse in unterschiedlichen Städten und mit vielfältigen Zielgruppen eint, ist ein neuer Blick auf den Straßenraum und zu erfahren, wie es sich anfühlt, aus eigenem Antrieb unterwegs zu sein. Wie wir mit und andere mit uns kommunizieren beeinflusst – oft stärker als die gebaute Infrastruktur – wie gern wir Radfahren. Die eigenen kommunikativen Fähigkeiten bewusst einzusetzen und zu verfeinern, das ist ein zentrales Anliegen unserer Radfahrausbildung.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Rückblicks auf 10 Jahre Schulterblick: Wir feiern 10 Jahre!

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