Unser Schulterblick-Konzept basiert auf drei Überzeugungen: Erstens, ein aktives Miteinander im Straßenverkehr ist uns wichtig. Zweitens, es muss auch in realen Verkehrssituationen geübt werden, aufbauend auf dem Probieren in geschützten Schonräumen: wie Plätzen, Verkehrsgärten oder Mobilitätsparks. Und drittens, die Mobilitätsbildung ist direkt in die Radfahrkurse zu integrieren. Gerade für eher verkopfte Erwachsene ist es gut, weg vom Theoretisieren direkt ins Tun und Selbsterleben zu kommen.  

Um Kinder, Jugendliche und Erwachsene für das Radfahren im Alltag zu befähigen, sind motorische, kommunikative und kooperative Kompetenzen das Fundament: Das heißt, dass eigene Fahrrad souverän im Griff zu haben, damit der Kopf frei ist für das, was rundherum passiert. Es bedeutet, Regeln zu kennen und anzuwenden, sowie Situationen einschätzen und aus verschiedenen Handlungsoptionen auswählen zu können. Und es bedeutet, auf Basis des Vertrauensgrundsatzes in Beziehung zu anderen zu treten und aktiv miteinander zu kommunizieren.

„Das Radfahren ist so unterschiedlich im Stadtverkehr und wir wollen, dass die Kinder da eben auch ein Gespür dafür bekommen, wie sie mit anderen Verkehrsteilnehmer*innen umgehen und interagieren können. Zum Beispiel jemanden über den Zebrastreifen gehen zu lassen: Das üben wir im Schonraum und danach ist es schön anzusehen, dass sie das sofort mitnehmen und im Stadtverkehr anwenden. Die Kinder sollen aus unseren Kursen mitnehmen, dass sie nicht alleine im Straßenverkehr unterwegs sind und dass sie diesen durch ihr Handeln gestalten können.“

erläutert Niko Mellauner. Niko ist Mastertrainer bei uns.

Wenn wir auf den Straßenverkehr schauen, sehen wir in erster Linie Menschen, die zu Fuß, auf dem Fahrrad, hinter dem Lenker im Auto oder Bus unterwegs sind – denn mit ihnen können wir kommunizieren: Wir vermitteln unseren Kursteilnehmer*innen den Straßenverkehr als Handlungsraum wahrzunehmen, in dem sie mit anderen aktiv in Beziehung treten können. Uns geht es dabei um die grundsätzliche Haltung, wie wir anderen Menschen gegenübertreten: Auf Augenhöhe. Das heißt, dass wir die anderen nicht als lästige Hindernisse oder Bedrohung wahrnehmen – sondern als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer*innen, mit denen wir uns verständigen, um gut und entspannt ans Ziel zu kommen.  

Diese Haltung, alle als gleichwertig anzuerkennen, vermitteln wir in unseren Radfahrkursen. So können wir Begegnungen im Straßenverkehr als tatsächliches Miteinander erlebbar machen, was sich unmittelbar auf die Sicherheit aller Beteiligten auswirkt und diese erhöht. Beispielsweise setzt das Verständigen ein passendes Fahrtempo voraus: Es braucht Zeit, Verbindung aufzubauen, zu sehen und gesehen zu werden. Etwaige Missverständnisse oder Fehler – eigene wie fremde – können einfacher und entspannter ausgeglichen werden. So lässt sich die Atmosphäre mitbestimmen, in der die Interaktionen ablaufen – für Kinder, Jugendliche sowie Erwachsene eine ganz wesentliche Erfahrung! Vor allem Kinder kommunizieren sehr gern mit anderen, das können wir in unseren Kursen beobachten. Besonders im Straßenverkehr freut es sie, wenn auf ihr Agieren reagiert wird: Es erzeugt bei ihnen ein Selbstverständnis als Radfahrer*innen das Stadtleben aktiv mitzugestalten. 

Dazu braucht es natürlich auch das Regelwissen. Die Regeln im Straßenverkehr vermitteln wir jedoch nicht nur nach ihren Inhalten, sondern vor allem in ihrer Funktion. Die wichtigsten Verkehrszeichen, oder wie man konkret die eigene Absicht anzeigt und sich verständigt, gehören dazu. Wissen die Kursteilnehmer*innen, das Warum hinter einer Regel, halten sie sich eher daran. Als Beispiel kann die Regel des langsamen Annäherns an einen Zebrastreifen dienen – der Grund ist für uns Erwachsene eindeutig. Für Kinder bedarf es aber einer genaueren, gemeinsamen Erörterung und dann halten sie sich auch eher daran: Die Regeln sind die Basis – ein gutes Miteinander geht jedoch über das Einhalten der Regeln hinaus. 

Im Theorieteil stellen wir den Kindern Fragen wie: „Was bedeutet Radfahren für dich persönlich? Wie wirkt sich Radfahren direkt auf deine, als auch auf die Lebensqualität aller aus? Wie wirkt es sich auf die Umwelt und auf das Klima aus, wenn viele Menschen Radfahren? Können wir alles auf Radfahren umstellen, alle Fahrten und Transporte, oder gibt es Grenzen?“ Die Antworten erarbeiten wir gemeinsam und diskutieren sie kritisch. Wir verknüpfen im Radfahrkurs jene Kenntnisse und Fähigkeiten, die es zum Radfahren braucht, damit die Kinder zukünftig aktiv und selbstständig mobil sein können und wollen: So können sie Teil der zukunftsorientierten Entwicklung unserer Gesellschaft und Umwelt sein.

Radbegeisterte Eltern, die mit ihren Kindern bereits in jungen Jahren im Straßenverkehr fahren wollen, unterstützen wir mit unseren Eltern-Kind-Radfahrkursen. Hier vermitteln

 wir, wie sie das gemeinsame Radfahren entspannt gestalten und die Kinder erfolgreich an das Fahren im Straßenverkehr heranführen können. Mit Wissen und Know-How fördern wir die Handlungskompetenzen der Kinder und Eltern und zeigen, dass Radfahren in der Stadt keine Hexerei ist. 

Radfahrkompetenz, als Summe der motorischen, kommunikativen und kooperativen Kompetenzen, ist eine der drei Säulen, die Radfahren als Teil der Mobilitätswende tragen: Ohne Radfahrkompetenz bei den Menschen, bleibt die ausgebaute Radinfrastruktur leer und das gebildete Bewusstsein ohne Verhaltensänderung.

N u r  a l l e  d r e i – Radfahrkompetenz, Radinfrastruktur und Bewusstsein – schaffen im Zusammenspiel, dass viele Menschen Radfahren und nachhaltig mobil sind. 

Unser Schulterblick-Konzept steht für Radfahrkurse im echten Leben, damit möchten wir: Das Selbstverständnis der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen als aktive Verkehrsteilnehmer*innen stärken – weil Kompetenzen zu entwickeln Begeisterung auslöst. Das Bewusstsein für aktive, kinderfreundliche Mobilität fördern. Und dazu beitragen, dass eine Kultur des Miteinanders im Straßenverkehr entsteht, die auf das ganze Leben ausstrahlen kann.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Rückblicks auf 10 Jahre Schulterblick: Wir feiern 10 Jahre!